Gedanken eines Schreiberlings

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Das Wort zum Sonntag

Die BookTok Bestseller-Maschinerie

Was ist BookTok eigentlich?

BookTok findet, wie der Name schon sagt, auf TikTok statt. Unter dem Hashtag #BookTok werden Beiträge zu Büchern und Autor:innen gesammelt. Man kann den Content noch weiter unterteilen – nach Genre, Tropes, Regionen. Und nach und nach passt sich die ForYouPage den eigenen Vorlieben an, bis man einen vollständig auf Bücher zugeschnittenen Account hat. Klingt wunderbar, oder? Nun ja. Schauen wir genauer hin.

Der Segen: Sichtbarkeit wie nie zuvor

Wer sich gern vor der Kamera zeigt, kommunikativ ist und – seien wir ehrlich – jung und weiblich ist, hat gute Chancen, auf BookTok erfolgreich zu werden. Ich gehöre da eher zu den älteren Semestern, habe kein hübsch gestaltetes Bücherregal und zeige mich nicht besonders gern vor der Kamera. Mein Erfolg auf BookTok hält sich entsprechend in Grenzen. Ich bin da, ja – aber ich verschwinde in der Masse.

Und trotzdem: Wenn man es schafft, mit einem Video viral zu gehen, entsteht ein Hype, der mit nichts zu vergleichen ist. Viele Leser:innen lassen sich tatsächlich von BookTok inspirieren und kaufen dann die Bücher. Das ist großartig. Wirklich.

Und nein, das killt die Spannung nicht. Dazu kommen wir gleich noch. g

Der Fluch: Wenn das Buch zum Produkt wird

Dark Romance funktioniert auf BookTok wahnsinnig gut – gerade weil die Plattform junge Leser:innen anspricht, die das Genre in den letzten Jahren für sich entdeckt haben. Dark Romance wurde praktisch zum Befreiungsschlag der Jugend. Eine Rebellion auf Papier. Und ja – junge Menschen lesen! Das kann man doch nur gut finden.

Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass es gar nicht mehr um die Geschichte geht. Es geht um das Buch als Produkt. Um das Cover, das Begleitmaterial, den Spice-Faktor. Denn Sex sells – das war schon immer so.

Besonders gut funktioniert Enemies-to-Lovers. Das scheint ein Garant für Erfolg zu sein, was den Nachteil hat, dass es scheinbar nur noch Enemies-to-Lovers-Bücher gibt. Mit einer ganz bestimmten Sorte Mann: groß, dunkelhaarig, düstere Ausstrahlung – je nach Untergenre Mafiaboss, Fae-Krieger oder Kopf einer Bikergang. Es hat fast schon Bingo-Charakter. Man könnte eine Karte ausfüllen. g

Aber es ist alles andere als witzig. Denn dadurch gehen uns Geschichten verloren, die nie das Licht der Welt erblicken werden.

Der Hype-Zyklus: Heute Bestseller, morgen vergessen

Gehypte Bücher können sich wie Eintagsfliegen verhalten. Wahnsinnig schnell in den Bestsellerlisten – aber kein Garant für ein stabiles, nachhaltiges Einkommen. Autor:innen fühlen sich sicher, geben vielleicht ihren Brotjob auf. Und dann? Ist der Hype vorbei, ist der Fall umso tiefer.

Ich habe das schon mehrfach erlebt. Autor:innen feiern ihren Erfolg – und sechs Monate später nehmen sie wieder einen Brotjob auf. Das tut mir in der Seele weh.

 

Wer langfristig erfolgreich sein will, braucht gar keinen Bestseller dazu. Was man braucht, ist eine solide Backlist. Longseller, von denen möglichst viele, weil nur die ein stabiles Einkommen sichern.

Authentizität vs. Algorithmus – mein persönliches Geständnis

Ich muss euch etwas gestehen. Ich habe es selbst ausprobiert – ein Buch nach Trend geschrieben, nur um zu sehen, ob es funktioniert.

Long Story Short: Hat es. Das Buch ist das schlechteste, was ich je geschrieben habe – und das erfolgreichste. hmpf

 

Ich habe daran noch immer zu knabbern. Denn an diesen Erfolg konnte ich nie wieder anknüpfen. Das Buch finanziert mir jede Eskapade, jedes Herzensbuch, das ich schreiben möchte. Und gleichzeitig ärgert es mich wahnsinnig, dass es funktioniert hat. Manchmal glaube ich, dass ich damit sogar Leser vergraule. Aber ich weigere mich, es runterzunehmen, weils ja so gut läuft. argh

Werden Leser:innen manipuliert?

Der Algorithmus zeigt einem genau das, was man mag. Er lernt, analysiert, passt sich an. Das ist ein bisschen wie eine Marketingmaschinerie – man wird studiert und dann bespielt. Wenn man das weiß, kann man es entspannt sehen und einfach genießen, dass man das gezeigt bekommt, was einem gefällt.

 

Aber natürlich fallen dadurch andere Geschichten hinten runter. Autor:innen, die es nicht verstehen, ihre Beiträge dem Algorithmus anzupassen, verschwinden in der Masse. Und das ist schade.

Fazit: Mitmachen oder raushalten?

Ich stehe BookTok sehr zwiegespalten gegenüber. Ich zeige meine Bücher, einfach um die Plattform zu bedienen – aber ich möchte nicht mein Gesicht zeigen. Das Gefühl, dass jüngere Autor:innen es dort viel leichter haben, lässt mich nicht los.

Und ehrlich gesagt glaube ich, dass BookTok nur bedingt wirklich Bücher verkauft. Die meisten Umsätze entstehen immer noch außerhalb der Plattform – über die Bestsellerlisten. BookTok kann ein gutes Werkzeug sein, um dort hinzukommen. Ein Werkzeug. Nicht das einzige.

Wer Spaß daran hat und sich gerne zeigt – unbedingt machen. Wer sich vor der Kamera quält und lieber mit den eigenen Gedanken kämpft als Videos dreht – lieber lassen. Ich falle in die zweite Kategorie. Und ich habe aufgehört, mich dafür zu schämen. g

Alles Liebe, eure Kitty 🖤